Abenteuer Chile
Der Besuch unserer Partnergemeinden im Oratorio in Chile sollte für uns ein Abenteuer mit vielen Überraschungen, Erlebnissen, viel, viel Herzlichkeit und neuen Freunden werden. Aber der Reihe nach:

Schon die Anreise war ein ganz besonderes Erlebnis! Auf dem Flughafen in Frankfurt teilte man uns beim Einchecken plötzlich mit, dass unsere Maschine nach Santiago wegen eines Schadens heute ausfallen würde. „Na toll.“ – Was jetzt? Umbuchen!? - Nach langem Hin und Her, eigener Nachfrage bei der Fluggesellschaft TAM hatten wir nach ca. 3h einen neuen Flug über Sao Paulo nach Santiago, Ankunft ca. 3h später als geplant. – Prima! Also noch kurz Pater José Miguel per SMS informieren und schließlich ab ins Flugzeug. – Aber irgendwie hatte unsere Nachricht den Pater nicht erreicht und so war auch niemand am Flughafen, der uns abholen konnte! – Was nun? Wohin? Warten? – Irgendwie konnten wir mit unseren Handys den Pater nicht erreichen. Im Flughafen konnte uns auch keiner so richtig weiterhelfen, über den öffentlichen Fernsprecher bekamen wir auch keine Verbindung. – Schließlich sprachen wir, mit unseren spärlichen Spanischkenntnissen, einen jungen Chilenen an, der sich neben Brigitte Schleis auf der Bank niedergelassen hatte und emsig telefonierte. Mit Händen und Füssen baten wir ihn, für uns eine Nummer des Oratorios ausfindig zu machen! – Hier wurden wir zum ersten Mal von der Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Chilenen überrascht! – Dann ging es ganz schnell und wir wurden von unseren Freunden begrüßt und in Empfang genommen wie verlorene Schafe! Pater José Miguel muss wie der Teufel durch die Stadt gerast sein und somit sämtliche Verkehrsregeln außer Acht gelassen haben.
Sogleich ging es dann zu unserer ersten Station, nach Maipu in Santiago! Auch hier wurden wir von den Schwestern (Hermanas) und Mitgliedern der Gemeinde mit großer Herzlichkeit empfangen. – Maipu, wo aus den Containern mit den gespendeten medizinischen Geräten die Zahnarztstation aufgebaut wurde und erfolgreich betrieben wird. Aber nicht nur hier haben wir „unsere“ Container wiedergefunden. Im 50 Kilometer entfernten Maria Reina waren sie zu Übernachtungsunterkünften umgebaut worden. Container sind also multifunktionsfähig oder einfach zu allem zu gebrauchen, zumindest in Chile! - Am Abend wurde uns zu Ehren auch gleich eine kleine Empfangs-„Party“ gegeben, zu der jeder etwas zu Essen mitgebracht hatte! Wir haben uns nicht wie Fremde, sondern sogleich wie Familienmitglieder gefühlt, die nach Hause gekommen sind! - Am nächsten Tag durften wir dann die Stadtwohnung von Pater José-Miguel besichtigen, die ebenso schlicht und einfach war wie das Haus der Hermanas in Maipu. Klar, die Padres leben natürlich in den gleichen ärmlichen Verhältnissen wie die Menschen, für die sie da sind. Aber auf uns verwöhnte Mitteleuropäer wirkte doch alles sehr, sehr einfach und das sehr alte Haus war mit seinen Rissen in den Wänden doch schon stark von den vielen Erdbeben in Chile gezeichnet! (das nächste Beben sollte schon ca. eine Woche später mit einer Stärke von 5,7 folgen, aber da waren wir im Süden von Chile).

Anschließend fuhren wir weiter durch die Stadt mit ihren vielen ärmlichen Stadtvierteln zum Zentrum zum Cerro San Christobal, einem Hügel mitten in der Stadt, auf dem sich eine riesige 14m hohe Marienfigur befindet. Von hier oben hatte man einen grandiosen Ausblick auf die über 6 Millionen Einwohner große Stadt, die sich in einem Talkessel bis zu den Füßen der Anden ausdehnt und in der Ferne im Smog versinkt! Etwa ein Drittel aller Chilenen leben in dieser Stadt und von diesen leben etwa 40% in Armenvierteln!
Am Sonntag haben wir die Messe mit der Gemeinde in Maipu gefeiert. So schlicht und einfach, ohne großen „Pomp“, wie die kleine Kirche hier, haben wir alle Kirchen in den Gemeinden des Oratorios angetroffen. Ebenso fehlt hier auch die uns in Deutschland doch so vertraute Orgel! Macht nichts, dafür können hier fast alle Hermanas, Hermanos und Padres Gitarre spielen und singen, und das nicht nur in der Messe, sondern eigentlich zu jeder Gelegenheit und das mit großer Begeisterung. Am Ende der Messe gab es gleich die nächste Überraschung: Als erstes mussten wir uns der Gemeinde vorstellen und anschließend wurden wir dann kurzerhand nochmals, mit allen anderen anwesenden Ehepaaren, neu verheiratet – natürlich auf Spanisch – zum Beginn der Woche der Ehe und Familie.

Danach brachen wir auf nach Valparaiso, einer Hafenstadt am Meer (ca. 100km). Diese ist direkt in den Hängen am Meer gebaut, mit sehr steilen Straßen. Beim Rundgang am Hafen entdeckten wir noch einen funktionsfähigen alten „Schrägaufzug“ mit bunt bemalten Holzkabinen, die von unten in den oberen Teil der Stadt führen. Mit diesem sind wir später gefahren (oder „gerumpelt“) und konnten dann von oben einen Blick auf den Hafen und die Stadt auf den Hügeln werfen – Grandios! Leider gibt es in der Stadt sehr viele alte verfallene und unbewohnte Häuser! Diese wechseln sich mit intakten und gepflegten Häusern sowie mit sehr einfachen und ärmlichen Hütten ab, so dass es insgesamt leider eher einen bedauernswerten und traurigen Eindruck hinterließ. Bei ein wenig Sonnenschein verleihen die bunten Häuser der Stadt jedoch einen viel bunteren

und freundlicheren Anblick. Hier konnte man die Armut der Menschen noch intensiver spüren. Und etliche der armen Menschen sprachen unseren Padre mitten auf der Straße an und baten um seinen Segen!

Neben der Armut, bietet das Land aber auch grandiose Landschaften. So konnten wir am Meer über Strände mit schwarzem Sand laufen (und unsere qualmenden Füße im Pazifik kühlen) oder Seelöwen und Pelikane aus nächster Nähe im Hafen bewundern, oder wir statteten auf unserer weiteren Fahrt nach Süden den Salto de Lajas einen Besuch ab.
Dies sind wunderschöne Wasserfälle, die sich in einem etwa halbkreisförmigen Bogen fast 30m in die Tiefe stürzen. – Einfach grandios!


In San José de la Mariquina, dem Ursprung der partnerschaftlichen Beziehung zu Chile, besuchten wir wiederum viele Einrichtungen, die mit der Hilfe aller im Chilekreis tätigen Mitglieder finanziert oder unterstützt wurden bzw. noch werden. So besuchten wir das Internado für die Mapuche-Kinder, das Altenheim, in dem alte arme Menschen nun ein würdiges Zuhause gefunden haben – natürlich nicht in luxuriösen Einzelzimmern wie in Deutschland – hier gibt es nur Mehrbettzimmer für die Nacht (mit den aus Deutschland stammenden Betten) und große Aufenthaltsräume für den Tag, aber mit liebevoller Betreuung! – Ganz abenteuerlich und für deutsche Verhältnisse undenkbar, war die mitten im Raum stehende offene eiserne Kiste, die zu Heizzwecken mit glühenden Holzscheiten bestückt war – schön warm, aber … -
So wie hier fehlt in allen Häusern, die wir gesehen haben, eine Zentralheizung! Es wird nur über einzelne Öfen ein Zimmer beheizt, wobei das Ofenrohr so geführt wird, dass evtl. noch ein weiteres Zimmer etwas mit gewärmt wird. Manchmal bleibt auch dieser Ofen aus, so dass es im Haus doch recht kühl ist und man immer einen Pullover oder eine Jacke anhaben muss, oder manchmal auch beides.
Neben dem großen Eingangstor zum Kirchengelände „wohnt“ ein riesiger Bernhardiner (Nino) in einem Zwinger, der uns bei jedem Vorbeigehen immer wild anknurrte und anbellte, so als wolle er uns sogleich in tausend Stücke zerreißen! Abends gegen zehn Uhr wird er dann zum Schutz des Kirchengeländes freigelassen. Bevor Nino hier „eingestellt“ wurde, wurde die Kirche öfters von Einbrechern heimgesucht! – Aber so wie das Kirchengelände mit einer großen Mauer umgeben ist, sind in Chile fast alle Grundstücke und Häuser mit einem Zaun gesichert und wenn er noch so primitiv und einfach ist. Beim Vorbeigehen wird man dann sehr oft wild und giftig von einem Hund angekläfft, der die wenigen Habseligkeiten beschützen soll, die viele Menschen nur besitzen.
Bei unserem Besuch des Radiosenders wurden wir natürlich spontan zum Interview gebeten! Wir mussten über den Chilekreis und dessen Arbeit, sowie unsere Eindrücke in Chile berichten. – Gut, dass unser Padre dabei war und dolmetschen konnte. – Ansonsten mussten wir mächtig an unserem Spanisch arbeiten (unter Zuhilfenahme von Händen und Füßen, dem Wörterbuch oder Internet, …), denn außer unserem Padre, der deutsch spricht, sprachen nur wenige Padres englisch (was für uns dann immer wie ein „Glückstag“ war)! – Eine große Unterstützung war hier auch Sonja Müller, unsere Praktikantin aus Urdenbach, die uns ein Teil des Weges begleitete. Es ist bewundernswert, wie sich diese junge Frau hier auf die Armut eingelassen hat, unermüdlich ihre Arbeitskraft einbringt und von allen voll akzeptiert wird.
Unser Weg führte uns weiter über die Pan Americana in den Süden nach Puerto Montt, einer Hafenstadt mit ca. 180.000 Einwohnern in einer Bucht. Hier ist das Klima viel kühler, feuchter und regenreicher als im ca. 1100km nördlicher gelegenen Santiago. Mit Pater Josè Miguel besuchten wir die vom Oratorio betriebene Schule mit mehr als 380 Schülern. Aufgrund der durchschnittlich mehr als 210 Regentage im Jahr, benötigt die Schule dringend eine Überdachung des Schulhofes, damit die Schüler in den Pausen auch mal „an die frische Luft“ können!

An diesem Wochenende sollte hier ein großes Glaubensfest des Oratorios mit Messen, Seminaren und Veranstaltungen stattfinden, zu dem viele Mitglieder auch aus fernen Gemeinden anreisten, um ihren Glauben und die Gemeinschaft zu festigen. Vorbereitet und gestaltet wurde es von den Schwestern hier, die kräftig von Sonja und vielen Jugendlichen unterstützt wurden. Neben der spirituellen Vorbereitung, wurde auch die komplette Dekoration selbst erstellt. - Es war sehr beeindruckend, mit welcher Freude und welchem Eifer die Menschen, von denen sehr viele Jugendliche waren, an diesen Veranstaltungen teilnahmen. Ein besonderer Höhepunkt war die Aufführung in der großen Turnhalle über die Verbreitung des Glaubens in Chile. Auch hierfür waren die Dekoration und die Kostüme selbst erstellt worden. Von vielen kostümierten Schülern wurde in vier Szenen erzählt, wie die Spanier Südamerika entdeckten, das Christentum nach Chile kam und sich verbreitete, der Papst Puerto Montt besuchte und schließlich das Oratorio in die armen Gemeinden kam. Eine sehr bunte, beindruckende Darstellung! – Zu dieser Aufführung waren unter anderem der Bischof von Puerto Montt, Pater Sergio, der Gründer des Oratorios gekommen, sowie „die Deutschen“, die natürlich wieder groß vorgestellt (und gelobt) wurden.

Neben diesem großen Ereignis, hatten wir das Glück, zwei wunderschöne sonnige Tage genießen zu können, in denen wir zum einen ein wenig die Stadt erkunden und zum anderen einen beindruckenden Ausflug in die Natur zu den Ausläufern der Anden machen konnten. Dabei führte uns der Weg vorbei an dem riesigen See Llanquihue, an dem auch viele deutsche Auswanderer ihre Spuren hinterlassen haben, die noch heute in der Bauweise der Häuser dort zu erkennen ist, und weiter zwischen zwei Vulkane hindurch. Der eine ist quasi der „Hausvulkan“ von Puerto Montt, der ca. 30km östlich gelegene Calbuco (2003m), einer der aktivsten Vulkane Chiles. Die letzte Eruption fand erst 1961 statt! - Na, ob er wohl ruhig bleibt!? –
Der zweite ist der Osorno (2650m) am Rande des Sees Llanquihue. Ein riesiger schneebedeckter Kegel, an dessen Fuße es dann noch beeindruckende Wasserfälle und Stromschnellen (Saltos de Petrohué) gibt, die diesem herrlichen Bergpanorama die entsprechende Note geben. Mit dem Gedanken an die quasi unter den Füßen brodelnde Lava, haben wir diesen Ort dann bald wieder verlassen. Zurück im Zentrum von Puerto Montt hatten wir eigentlich damit gerechnet, dass uns jemand abholt. Aber es lag wohl an unserem mangelhaften Spanisch; man hatte uns nicht richtig verstanden, es war niemand da. – Also was tun, zum Glück hatten wir die Adresse unserer Gastgeber bei denen wir übernachten durften. Nehmen wir uns eben ein Taxi. – Nur, von den Taxifahrern kannte keiner diese Straße! Ins Armenviertel lässt sich eben keiner mit dem Taxi fahren. Erst als wir von der in Nähe befindlichen „Parroquia“ = Kirche erzählten, wussten sie Bescheid! Also zur Kirche und weiter zu Fuß, aber irgendwie sahen alle Häuser in der Abenddämmerung gleich aus! Das muss doch hier gleich um die Ecke sein, oder!? - Oh je! – Dann eben wieder zurück zur Kirche, da muss es doch jemanden geben, der es weiß! – Richtig, wir trafen auch sogleich auf eine Gruppe Jugendlicher unter denen sich Matthias befand, den wir auf dem Glaubensfest kennengelernt hatten. Sogleich bot er sich an, uns kurz zu begleiten! Uns fiel ein Stein vom Herzen!
In unserer Gastfamilie wurden wir mit großem Hallo empfangen, mussten gleich am gedeckten Abendbrottisch Platz nehmen und der ganzen Familie über unsere Erlebnisse berichten (und alles ohne Dolmetscher!). Aber dieses Leben mit und in der Familie, in deren Haus, die Gastfreundschaft, das Einlassen auf die „fremden“ Deutschen (die kein Spanisch können), die Hilfsbereitschaft und das Zugehörigkeitsgefühl, war das Beeindruckendste dieser Reise.
Zurück in Santiago konnten wir dann endlich auch unseren Pastor Gerards begrüßen. Mit ihm zusammen verbrachten wir die letzten Tage unseres Besuches bei unseren Partnern in Chile.

Dabei hatten wir dann nochmals die Möglichkeit, in Maria Reina mit Pater Sergio zu sprechen. Der Gründer des Oratorios hat ein Jahr in Deutschland (Münster) studiert. Obwohl das schon sehr lange her ist, spricht und versteht er immer noch sehr gut Deutsch. Eine beeindruckende Persönlichkeit.


Viel zu schnell kam dann der Abschied von diesem Land, in dem zwar immer noch große Armut herrscht, deren Menschen aber so herzlich, hilfsbereit und fröhlich sind und das landschaftlich sehr vielseitig und reich an Schönheiten ist. Wir werden auch nie vergessen, mit wie viel Freude, Herzlichkeit und Fröhlichkeit, es gab immer etwas zu lachen und zu singen, die Schwestern und Brüder ihren Dienst und ihre Arbeit erledigen! – So können wir nur bestätigen: Einmal selber sehen und erleben ist besser als tausend Mal hören!